Die Anwendung der Sichtflugregeln im Fallschirmsport
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Dienstag, den 25. August 2009 um 17:58 Uhr

Dieser Artikel entstand als Reaktion auf die Diskussion „Ist Wingsuit-Springen in Deutschland legal?“ auf www.myskydive.de. Die auf diesen Thread entstandene Diskussion zeigte, dass kaum einer der Teilnehmer ausreichende Kenntnisse über Luftraumstruktur und Luftverkehrsregeln hatte. Mit diesem Artikel versuche ich etwas Klarheit zu diesem Thema zu schaffen. Ich verzichte dabei bewusst auf Vollständigkeit, um nur die Aspekte die für Springer wirklich wichtig sind heraus zu arbeiten.

Um etwas Wichtiges vorweg zu nehmen: Die Antwort auf die oben gestellte Frage lautet „Ja“. Wingsuitspringen ist in Deutschland legal. Der Grund: Es ist nicht ausdrücklich verboten. Eine der Grundlagen der deutschen Rechtsphilosophie ist, dass alles was nicht ausdrücklich verboten ist erlaubt ist.

„An welche Regeln muss sich der Wingsuitspringer halten?“ Zur Beantwortung dieser Frage muss zunächst ein Überblick über die verschiedenen Luftfahrtgesetze her, sofern sie den Fallschirmsport betreffen. Die Mutter aller Luftfahrtgesetze ist das Luftverkehrsgesetz (LuftVG). Ein Blick in den Paragraphen 1 klingt verheißungsvoll: „Die Benutzung des Luftraums durch Luftfahrzeuge ist frei“ heißt es dort. Leider bleibt es nicht dabei, im Nachsatz heißt es: „sofern sie nicht durch dieses Gesetz, oder den zu seiner Durchführung erlassenen Verordnungen, eingeschränkt wird.“ Da sind sie nun also, unsere Probleme. Der zweite Absatz des Paragraphen 1 klärt auch gleich noch die Frage was eigentlich Luftfahrzeuge sind. Dort werden dann auch unter einigen anderen Luftfahrzeugen die Fallschirme, versteckt als Luftsportgeräte, aufgeführt. Dabei ist es unerheblich, ob die Kappe geöffnet ist oder nicht. Sobald ein Springer ein anderes Luftfahrzeug verlassen hat, wird das Sportfallschirmsystem zum Luftfahrzeug und er zum Piloten. Damit gelten dann auch die Vorschriften der Luftverkehrsordnung (LuftVO).

Ein erster Blick in die LuftVO zeigt Folgendes: Luftsportgeräte dürfen nur unter Anwendung der Sichtflugregeln (Visual Flight Rules – VFR) betrieben werden. §14 der LuftVO sagt auch schon ganz eindeutig: „Wolkenflüge mit Luftsportgeräten sind nicht erlaubt“. Flüge nach Sichtflugregeln bei Nacht sind ebenfalls nicht erlaubt, ausgenommen einsitzige Sprungfallschirme (§33 LuftVO). Nochmal Glück gehabt, der Spaß eines Nachtsprungs bleibt uns erhalten, sofern es kein Tandem werden soll.

Nachdem das Grundsätzliche jetzt geklärt ist geht es ans Eingemachte: „Was sind die Mindestwetterbedingungen für Flüge nach Sichtflugregeln?“ Eine kurze Antwort auf diese Frage ist leider nicht möglich. Das liegt daran, dass der Luftraum keinen einheitlichen Regeln unterworfen werden kann. Parallelen zum Straßenverkehr machen das Ganze verständlicher. In der Stadt ist maximal Tempo 50 erlaubt, auf der Landstraße 100 und auf der Autobahn 130 oder auch gar kein Limit. Warum? Weil auf der Autobahn alle in die gleiche Richtung fahren (hoffentlich) und deshalb die Wahrscheinlichkeit einer Kollision sehr viel geringer ist. So ist es auch in der Luft. Es gibt Lufträume mit einem sehr starken Verkehrsmix aus Sichtfliegern, Instrumentenfliegern, schnellen Fliegern und langsamen Fliegern, Fliegern mit Motor, Segelfliegern, Heißluftballonen und Fallschirmspringern. Dort sind hohe Mindestsichten und große Wolkenabstände angebracht, um den Sichtfliegern die Gelegenheit zu geben andere Verkehrsteilnehmer rechtzeitig zu erkennen und ihnen auszuweichen. In anderen Lufträumen ist die Verkehrszusammensetzung sehr homogen, da kommt man mit geringeren Minima aus.

 

Grundsätzlich wird unterschieden zwischen kontrolliertem und unkontrolliertem Luftraum. Kontrolle hat dabei eine positive Bedeutung. Ein Fluglotse kontrolliert, ob sich zwei Flugzeuge gefährlich nahe kommen können, und leitet gegebenenfalls Maßnahmen zur Vermeidung einer Annäherung ein. Im unkontrollierten Luftraum sind nur die Piloten selbst verantwortlich. In Deutschland haben wir unkontrollierten Luftraum nur unterhalb von 2500 Fuß über Grund (circa 800m). In einigen Gebieten reicht der unkontrollierte Luftraum auch nur bis 1000 oder 1700 Fuß über Grund. Dieser unkontrollierte Luftraum heißt Luftraum Golf (G). Im Luftraum Golf darf nur VFR geflogen werden, und das auch nur mit maximal 250 Knoten. Ein Springer wird das kaum jemals schaffen, aber es trägt zum Verständnis bei. Weiterhin dürfen Wolken nicht berührt werden. Die Mindestsicht beträgt gruselig geringe 1,5km in Flugrichtung, und es muss jederzeit Erdsicht vorhanden sein. Die Mindestwolkenuntergrenze von 500 Fuß über Grund ergibt sich aus den Vorschriften über die Sicherheitsmindesthöhe (§6 LuftVO). Wer bei so einem Sauwetter noch fliegt ist legal aber selbst Schuld, Springen tut da hoffentlich keiner mehr.

Neben G gibt es auch noch den Luftraum F als unkontrollierten Luftraum. F wird nur zeitweise an kleinen Flugplätzen mit Instrumentenanflugverfahren aktiviert. Da benachbarte Dropzones dann, aufgrund von Verfahrensvorschriften der Flugsicherung, ohnehin nicht springen dürfen, klammere ich den Luftraum F in dieser Erklärung aus.

Oberhalb des Luftraum G fallen wir durch den Luftraum E. E ist ein saugefährlicher Luftraum, hier fliegt alles kreuz und quer durcheinander. Instrumentenflieger kontrolliert, Sichtflieger unkontrolliert mit allem was dazugehört (Motorflieger, Segelflieger, Ballone) und mittendrin wir Fallschirmspringer. Hier lohnt sich also für alle Beteiligten das Rausschauen, und deshalb gilt: Mindestsicht 8km, Abstand zur Wolke 1000 Fuß (300m) nach oben und unten, und 1,5km nach jeder Seite. Das Ganze wird mit einem Tempolimit von 250 Knoten garniert und sorgt so für die Möglichkeit des rechtzeitigen Erkennens anderer Verkehrsteilnehmer.

Spätestens in Flugfläche 100 (10000 Fuß oder circa 3300m über der Druckfläche 1013hPa) ist Schluss mit Luftraum E. Schluss mit Lustig ist aber noch lange nicht, und die Bedingungen sind auch die Gleichen. Hier darf aber nicht mehr jeder rein. Zum Einflug in den Luftraum C bedarf es einer Freigabe durch einen Fluglotsen.

Auch unterhalb von Flugfläche 100 gibt es Lufträume der Klasse C. Diese sind in der Nähe von Verkehrsflughäfen angelegt, und ähneln im Querschnitt der Form eines Trichters. Diese Form erlaubt den Airlinern ihre Ab- und Anflüge so durchzuführen, dass sie nicht in den Luftraum E einfliegen. Der Hintergrundgedanke ist der, dass die Arbeitsbelastung im Cockpit in diesen Flugphasen sehr hoch ist, und eine Luftraumbeobachtung dadurch erschwert wird. Also wird ein Luftraum C eingerichtet, womit ein Fluglotse der Staffelung der Sichtflieger von den Instrumentenfliegern übernimmt. Die Mindestsicht beträgt im Luftraum C unter FL100 nur 5 km. Über FL 100 ist sie auf 8km hoch gesetzt, weil das Tempolimit für VFR-Flieger aufgehoben ist. Die VFR-Flieger werden untereinander in C nicht gestaffelt, sondern bekommen nur Verkehrsinformationen. Bei hohen Geschwindigkeiten brauchen sie daher etwas mehr Zeit zum Erkennen und Ausweichen. Die Mindestabstände zu Wolken sind immer gleich.

An weniger frequentierten Flughäfen gibt es statt Luftraum C auch manchmal Luftraum D. Für Springer ergeben sich daraus keine Unterschiede, deshalb gehe ich darauf nicht weiter ein. Das Gleiche gilt für Kontrollzonen der Klasse D.

Zusammenfassend lässt sich also in der Regel sagen:

Mindestsicht 8km

Abstand zur Wolke nach oben und unten mindestens 300m

Abstand zur Wolke nach jeder Seite hin 1,5km

Erdsicht muss vorhanden sein

Wer sich daran hält ist immer safe.

Jetzt noch ein paar Worte zur Dropzone: Eine Dropzone wird auf Antrag eingerichtet. In der Regel hat sie einen Radius von 2 nautischen Meilen, auf Wunsch aber auch gerne mehr. Die Einrichtung der Dropzone wird per NOTAM (Notice to Airmen) als Navigationswarnung für Piloten veröffentlicht. Unabhängig davon ist Sichtfliegern der Einflug in eine aktive Dropzone jederzeit gestattet. Fluglotsen sind verpflichtet Instrumentenflieger mit einem Mindestabstand von zwei nautischen Meilen zu einer Dropzone zu staffeln. Diese Verpflichtung besteht vom Beginn des Absetzvorgangs bis drei Minuten nach dessen Beendigung. Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Springer innerhalb dieser Frist den kontrollierten Luftraum verlassen haben muss. Ebenfalls steht nirgendwo geschrieben, dass ein Springer innerhalb seiner Dropzone bleiben muss.

 

Gesendet: 6 Jahre, 8 Monate her von TorstenKu #8981
TorstenKu schrieb:
ja und? abgesehen davon, dass er hätte sicher wahrscheinlich auch gegen den wind landen können, hätte er sich frühzeitig entschieden, passiert das nun mal. oder man springt fast garnicht mehr in unseren breiten.
ich sehe nur schichtwolken.

p.s.: und lange vor schirmöffnung ist klare sicht, also spot suchen!

und da wären wir wieder doert: www.myskydive.de/forum/44-sicherheit/1010-sichere-schirmfahrt
Gesendet: 6 Jahre, 8 Monate her von TorstenKu #8980
ja und? abgesehen davon, dass er hätte sicher wahrscheinlich auch gegen den wind landen können, hätte er sich frühzeitig entschieden, passiert das nun mal. oder man springt fast garnicht mehr in unseren breiten.
ich sehe nur schichtwolken.

p.s.: und lange vor schirmöffnung ist klare sicht, also spot suchen!
Gesendet: 6 Jahre, 8 Monate her von Panthim #8979
ist zwar schon 'ne Weile her ...

Gesendet: 6 Jahre, 8 Monate her von Skybear #8977
Mal wieder ein Anlass diesen Thread auszugraben:

Während ich im Warmen sitze erhalte ich eine SMS von einem Freund der friert. Er friert weil er in der Schweiz auf einem Berg sitzt und auf den Rettungshubschrauber wartet. Wie ist er auf den Berg gekommen? Er ist aus einem Flugzeug gesprungen, hat seinen Spot nich kontrolliert und im Freifall gemerkt dass er nich über dem Tal sondern über dem Berggipfel abgesetzt wurde. Er zieht im letzten Moment und seine Kappe ist 20 Meter über Grund offen.

Ich weiß noch nicht ob dabei Wolken im Spiel waren, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen jeden daran zu erinnern: CHECKT EUREN SPOT!!! Es war reines Glück dass die Springer heute überlebt haben. Wenn ihr alleine springt checkt selbst, bei Gruppen macht es der Erste in der Tür. Damit hat sich auch die Frage nach Springen in Wolken erledigt.

Und wer denkt es geht nur um Berge, der soll sich mal folgende Szenarien durch den Kopf gehen lassen: Sprung durch die Wolke, Pull, Blick nach unten: Mitten über einer Stadt mit 300.000 Einwohnern. Das habe ich selbst erlebt (Ja, auch meine Überzeugungen mussten sich erst entwickeln). An vielen Flugplätzen könnte man die Stadt auch durch Wald ersetzen, und auch große Seen können verhängnisvoll sein.

Zur Zeit warte ich noch auf die Antworten auf einige Fragen:
1.) Wolken?
2.) Nav-equipment des Fliegers?
3.) Hauptkappe oder Reserve?
Gesendet: 6 Jahre, 11 Monate her von Skybear #8117
Und noch ein Denkanstoß für die Dropzone-Betreiber: If you think safety is expensive, try an accident!
Gesendet: 6 Jahre, 11 Monate her von Skybear #8116
Aus aktuellem Anlass grabe ich den Thread mal wieder aus. Die Luftaufsicht in NRW hat mal wieder zugeschlagen. Eine komplette Load ging durch die Wolken und wird in Kürze ihre Bescheide erhalten.

Deshalb nochmal ein Denkanstoß: Mich nervt das anhaltend schlechte Wetter auch. Nichtsdestotrotz ist es kein Argument, dass die Wahrscheinlichkeit sehr klein ist dass etwas passiert wenn man durch Wolken springt. Das Dumme ist dass man hier nicht den Lotto-Jackpot gewinnt sondern hinterher tot ist. So geschehen 1993 in den USA (Springer überlebt, drei tote Flugzeuginsassen), 1995 in Frankreich (Springer tot) und 2002 in England (Springer tot, Pilot tot). Tut es wirklich Not dieses Risiko einzugehen? Immer dran denken: Wir sind verantwortlich für unser Tun. Wir müssen die Konsequenzen tragen und die Verantwortung übernehmen wenn dadurch andere gefährdet, verletzt oder getötet werden. Viele Regeln in der Luftfahrt wurden mit Blut geschrieben.

Ja, die Chance einen Flieger rechtzeitig zu sehen ist nicht so groß. Aber mit der geschlossenen Wolkendecke unter uns beträgt sie exakt null.
Gesendet: 7 Jahre, 7 Monate her von Franco #4882
Deniq schrieb:

Realität zeigt aber: wenn die deutschen DZs diese Regelungen 100ig einhalten, dann bleiben wirklich nur paar Tage pro Jahr, wo die Springer "safe" springen. In den restlichen Tagen bleibt das Schicksal auf der Seite der Luftaufsicht. Sehr sehr traurig...


Ist halt wie im Strassenverkehr, da fahr ich auch nur an ganz wenigen Tagen 100% legal...... wenn ichs mir genau ueberlege eigentlich nie. Ich finde der Verband der Autofahrer sollte sich fuer eine allgemeine Aufhebung des Tempolimits einsetzen, das wuerde mir es erheblich erleichtern mich an alle Regeln zu halten.
Vielleicht rufst du mal beim ADAC an.

Skybear: Danke fuer den Artikel.
Gesendet: 7 Jahre, 8 Monate her von Olly #4867
Super Artikel, vielen Dank.
Gesendet: 7 Jahre, 8 Monate her von Deniq #4846
Danke Skybear!
Endlich Mal ein vernünftiger Bericht zu diesem Thema!

Realität zeigt aber: wenn die deutschen DZs diese Regelungen 100ig einhalten, dann bleiben wirklich nur paar Tage pro Jahr, wo die Springer "safe" springen. In den restlichen Tagen bleibt das Schicksal auf der Seite der Luftaufsicht. Sehr sehr traurig...

Zum Glück sind die Regelungen in Russland noch nicht so grausam wie in Deutschland :
Gesendet: 7 Jahre, 8 Monate her von Skybear #4845
Danke für die Blumen!

Wenn ihr noch Fragen zu den Sichtflugregeln habt beantworte ich sie gerne. Außerdem fände ich es toll wenn auch andere Springer Artikel zu ihrem "Spezialgebiet" veröffentlichen, sei es nun die Technik, die Schirmfahrt oder irgend etwas Anderes wichtiges.

Blue skies!

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